Bildungslandschaft

Hier soll gezeigt werden, wie die "21st Century Skills" Interdisziplinarität, Neugier, vernetztes und systemisches Denken, Konnektivismus, etc. in der Bildung Einzug halten werden, obwohl viel pragmatisches dagegen spricht. Es bedeutet vor allem mehr Lehr- und Lernaufwand, was nicht gerade populär ist.....

Die Bedeutung eines Diploms als Ausweis für Fleiss und Ausdauer kann sich positiv auf meine Karriere auswirken, was mich zu der Bereitschaft animiert, die nächsten paar Jahre ein Studium in Angriff zu nehmen.
Aber werde ich dafür neben meinen anderen Verpflichtungen genügend Zeit haben? Immerhin habe ich einen anspruchsvollen Job und eine Familie mit einem Kleinkind.
Ich entscheide mich für ein zusätzliches Studium und bin jetzt also wieder Student.
Die Zeit für die anderen Verpflichtungen wird beschnitten. Ein fulltime-Studium kommt aber nicht in Frage, da ich mit der Familie auch finanzielle Verpflichtungen habe.

Je weniger Zeit für die anderen Verpflichtungen übrig bleibt, desto weniger werde ich ihre Anforderungen erfüllen können. Oder anders ausgedrückt: Hätte ich genügend Zeit, würde verhindert, dass Chef, Ehepartner und Kinder reklamieren und Druck ausüben.
Der Chef und der Ehepartner, bzw. die Kinder werden ihre Erwartungen anmelden, wodurch der Druck steigt. Dadurch sinkt die Bereitschaft für ein Studium wieder. Wenn ich nicht alle Verpflichtungen in Übereinstimmung bringen kann, werde ich schlimmstenfalls das Studium wieder abbrechen müssen.  
Die Schlaufe "Bereitschaft für Lernaufwand - Zeit für andere Verpflichtungen - Druck durch andere Verpflichtungen" ist sogenannt ausgleichend. Das bedeutet, dass eine Erhöhung der Lern-Bereitschaft durch diese Schlaufe gleich wieder gedämpft wird. 
Rote Pfeile bedeuten Abhängigkeiten mit umgekehrter Polarität, also z.B.
"je höher die Bereitschaft für Lernaufwand, desto weniger Zeit wird mir für andere Verpflichtungen verbleiben".
"...höher...weniger..." oder "...mehr...weniger..." charakterisieren umgekehrte Polarität. Das sind die roten Pfeile.
Die blauen Pfeile bedeuten direkte Abhängigkeiten: 
"Je grösser die Bedeutung eines Diploms, desto grösser meine Bereitschaft für Lernaufwand".
"...grösser....grösser...". Solche Pfeile sind blau.
Die Balance zwischen Familie, Beruf und Studium mindert das Lernpotential, das alle Fähigkeiten und Voraussetzungen umfasst, die für ein seriöses Studium notwendig wären.
Die Lernpotentiale aller Studierenden zusammen definieren die Anforderungen, die an ein Diplom geknüpft sind. Wenn das Niveau der Gesamtheit z.B. der Informatikstudenten eines Bildungsinstituts hoch ist, wird für die Erlangung eines Informatikerdiploms an diesem Bildungsinstituts auch viel verlangt und umgekehrt.
Ein Bildungsinstitut, das Studenten mit bescheidenerem Niveau ausbildet, macht weniger schwierige Diplomprüfungen.
Die Anforderungen für ein Diplom beschränkt die Anzahl bestander Diplome und bestimmt damit den Arbeitsmarkt. Werden aber viele Diplome ausgestellt, erhöht das die Bedeutung eines Diploms, weil es dann Standard ist. Die Wenigen, die kein Diplom vorweisen, haben das Nachsehen.

Der Kreis, den wir gerade geschlossen haben, ist wiederum beschränkend. Das bedeutet, dass auch sie die Bereitschaft für ein Studium und damit den Arbeitsmarkt beschränkt hält.
Sobald eine Variable in diesem Kreis ansteigt, aktiviert sie Kräfte, die diesen Anstieg wiederum dämpft.
Zurück zu den Anforderungen, die an ein Diplom gestellt werden. Sie stiften natürlich auch den Wert, die ein solches Diplom hat. Wenn an ein Diplom hohe Anforderungen gestellt werden, hat es auf dem Arbeitsmarkt mehr Wert und mehr Ansehen.
Und klar: Der Wert eines Diploms von einem bestimmten Bildungsinstituts begründet auch dessen Ruf. Ein Bildungsinstitut, das allen Studierenden mit Sicherheit ein Diplom aushändigt, muss um seinen Ruf bangen. Ein solches Diplom hat wenig Wert, weil es keine Aussage macht. Umgekehrt kann sich ein Talentsucher darauf verlassen, dass einer, der von 1000 Anwärtern als Einziger ein Diplom erhalten hat, auch wirklich gut sein muss. 
Ein Bildungsinstitut mit gutem Ruf zieht Studierende an. Alle wollen sie sich in diesem Bildungsinstitut immatrikulieren, weil seine Diplome auf dem Arbeitsmarkt grossen Wert haben.
Das freut natürlich das Bildungsinstitut, denn eine grosse Anzahl Studierende garantiert auch monetären Erfolg. Diese Aussage gilt auch, wenn das Bildungsinstitut vom Staat subventioniert wird, denn die Subventionen sind oft pro studierende Person berechnet.
Eine Möglichkeit, in der Lehre zu sparen ist, sich auf die Vermittlung von reinem Faktenwissen zu konzentrieren. Tests, Zwischenprüfungen und Diplomprüfung können so sehr einfach gehalten und automatisiert werden. Es gibt fast keinen Aufwand, solche Prüfungen zu konzipieren. Umgekehrt verursacht schon ein Quartalstest, der angewandte und interdisziplinäre Fragen stellt, stets grosse Kosten.
Zudem ist die Durchführung einer Vorlesung, die reines Faktenwissen vermittelt für Dozierende und Studierende sehr einfach. Im Extremfall lesen die Dozierenden ihren Stoff vor und die Studierenden schreiben das Gesagte auf. Es findet keine Interaktion statt, so dass sich die Dozierenden nicht zeit- und damit kostenintensiv vorbereiten müssen.
Natürlich ist das ein Extremfall, denn in der heutigen Zeit findet immer eine minimale Interaktion statt. Aber kostengünstiger Unterricht hält das Verhältnis von Frontalunterricht zu partizipativem Unterricht hoch zugunsten des Frontalunterrichts.
Das Verhältnis zwischen Frontalunterricht und partizipatorischem Unterricht fixiert den benötigten Lernaufwand. Sowohl der Lern- als auch der Lehraufwand ist bei partizipatorischem Unterricht viel höher. 
Daher versuchen sowohl Studierende als auch Bildungsinstitute das Verhältnis möglichst hoch zugunsten von Frontalunterricht zu halten, einfach um den Aufwand zu minimieren.
Das ist wieder eine Schlaufe, die die Dynamik der Situation bestimmt. Da sie eine ungerade Anzahl roter Pfeile hat, ist sie wiederum beschränkend. Das bedeutet, dass die Präferenz für den Frontalunterricht sehr stabil ist.
Die Vermittlung reinen Faktenwissens unterstützt den Studienerfolg. 

Unter "Studienerfolg" verstehe ich hier die Tatsache, dass die Studierenden sich lange halten können und nicht wegen einer Anzahl unbestandener Prüfungen das Studium vorzeitig abbrechen müssen.

Somit kann man sagen, dass der Studienerfolg die Anzahl Studenten pro Bildungsinstitut hält, was natürlich erfreulich ist.
Umgekehrt legt eine hohe Anzahl Studierender auch die Anzahl ausgestellter Diplome fest und - wie wir schon früher gesehen haben - eine hohe Anzahl Diplome pro Bildungsinstitut und pro Jahrgang schmälert ihren Wert. 
Der Wert des Diploms sorgt für dessen Arbeitsmarktpotential. Je wertvoller ein Diplom ist, desto mehr Ansehen hat es im Arbeitsmarkt.
Der Arbeitsmarkt ist neben den Studierenden und dem Bildungsinstitut die dritte Partei im Spiel um Diplome, Studierendenzahlen und Bildung.
Unternehmen rekrutieren Nachwuchs, indem sie gute Studienabgänger anwerben. Um die zu finden, muss die HR-Abteilung der Unternehmen den Bildungsmarkt kennen und wissen, welche Bildungsinstitute welchen Ruf haben. Solches Wissen bestimmt die Skills, die das Unternehmen evaluiert.

Die evaluierten Skills hängen von dem zur Verfügung stehenden Arbeitsmarktpotential ab.

Der Katalog an Skills, den die Gesamtheit der Unternehmen evaluieren und nachfragen, bestimmt natürlich auch die Anforderungen, die an ein Diplom gestellt werden. 
Ein Bildungsinstitut muss also bei der Festlegung der Diplomanforderungen einerseits auf die Wünsche des Marktes, andererseits auf die Fähigkeiten der Studierenden achten.
Diese Schlaufe ist für einmal aufschaukelnd: Je höher die Latte bei der Evaluation, desto höher die Diplomanforderungen.
Auch Unternehmen machen alles vom monetären Erfolg abhängig. Eine HR-Abteilung und ihr Evaluationspotential ist nur so gut, wie es die finanziellen Verhältnisse des Unternehmens erlauben.
Doch, woher kommen die finanziellen Ressourcen des Unternehmens? Es sind Innovationen und erfolgreiche Projekte, die den monetären Erfolg des Unternehmens sichern.
Und in einer Zeit erhöhter Komplexität hängen Innovationen und Projekte von einem tiefen Verständnis komplexer Systeme ab. Interdisziplinäres, venetztes und systemisches Denken sind die Skills des 21. Jahrhunderts. Dasjenige Unternehmen, welches Mitarbeiter hat, die interdisziplinär, vernetzt und systemisch denken können, werden das Rennen machen.
Solche Unternehmen sind für Bewerber attraktiv. Aber sie bringen noch nicht immer die benötigten Skills, da Interdisziplinarität, Neugier und Forscherdrang sowie vernetztes Denken in den Bildungsinstituten noch kein Thema sind. Zu gross wäre der Lehr- und Lernaufwand.
Daher klafft noch eine Lücke zwischen evaluierten und benötigten Skills, die die Unternehmen jedoch zu füllen gewillt sind.
Es ist zu hoffen, dass die Bildungsinstitute das nahende Bedürfnis zusätzlicher Skills frühzeitig bemerken und darauf reagieren. Wenn nicht werden sie neben dem Markt hindurch ausbilden und ihre Diplome werden immer weniger Wert haben, weil sie nicht die gefragten Skills ausweisen.
Die wirklich benötigten Skills favorisieren Interdisziplinarität, Neugier und Selbstreflexion. Solche Skills können nicht mehr durch Vermittlung von Faktenwissen generiert werden. Vielmehr muss Systemwissen vermittelt und partizipatorisches und konnektivistisches Lernen gefördert werden.

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